Zu Gesamt- Geschichte und Hauptrichtungen der Rechentechnik der UdSSR
Beiträge zur DDR- Geschichte des EinheitsSystem der Elektronischen Rechentechnik (1968-1990)
Rechentechnik der DDR im ESER Der internationale Vertragsrahmen Arbeitsumfeld des ESER in der UdSSR Arbeitsumfeld des ESER in der DDR
Produkte und ROBOTRON-Teams Chancen nach 1990 Beiträge Zeitraum 2009-2013 Bücher und persönliche Notizen 
 
Gesamt- Geschichte & Hauptrichtungen  IT der UdSSR (ca.1948-70)

NIZEWT und ESER-Mainframes der UdSSR

Etappe ab 1985 in der UdSSR

Paradigmenwechsel Etappe der Supercomputer

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Zur Gesamt- Geschichte und den Hauptrichtungen der IT in der UdSSR

Nachfolgende Haupt- Aspekte der Geschichte und der Entwicklung der Hauptrichtungen der Rechentechnik in der UdSSR spielen  eine wesentliche Rolle . Sie gelten sowohl im Zeitraum vor Gründung des ESER ( ca. 1948- 1970 ) , als auch parallel zur Entwicklung des  ESER

 

 

1) Dominanz der Entwicklungen für den Verteidigungskomplex

Die Entwicklung der Rechentechnik/ Informationstechnologie  in der UdSSR war besonders in ihrem Start-Zeitraum absolut dominiert durch das Wettrüsten , in dessen Kern das Atomprogramm und die Rüstungsprogramme der strategischen Teilstreitkräfte standen. Das Land mobilisierte unter Verantwortung zentraler Planungs- und Leitungsgremien, die den militärisch- industriellen Komplex koordinierten, riesige Kräfte aus Wissenschaft und der Wirtschaft. Wissenschaftliche Berechnungen zu physikalischen Grundlagen der Kernenergetik, der Aerodynamik und analoge Aufgabenstellungen, aber auch Aufgaben zum strategischen Monitoring ( wie etwa Raketenfrühwarnsysteme, Anforderungen an Echtzeitrechner für Steuerungen usw.) stellten in enormer Breite und Spezifik höchste Anforderungen sowohl an die numerische Mathematik und die Software, als auch an die Leistung der Rechentechnik.

Unter höchster Geheimhaltung und Isolation untereinander und vom zivilen Bereich  wurden verschiedene Entwicklungsrichtungen und Architekturen betrieben. Dieser Hintergrund  führte auch zu Architekturentwicklungen für verschiedene strategische  Projekten, die vorrangig in Akademie- Instituten auf einer eigenen Rechner- und Programm- Basis liefen und von hervorragenden Wissenschaftlern und Technikern geleitet wurden. Dabei leistete die sowjetische Wissenschaft Beachtenswertes, bestimmte Ergebnisse waren führend in der Welt.  Das war aber auch mit Vielschichtigkeit und Zersplitterung der Kräfte verbunden. Elemente der Konkurrenz der einzelnen wissenschaftlichen Schulen und regionalen Zentren untereinander begünstigten diese Erscheinungen.

Die wissenschaftlichen  Wurzeln und das Image dieser Schulen wirkten auch in der ESER- Zeit und sind auch heute ein wichtiger Motor der Entwicklung in Russland.

Der übersetzte Artikel /Autor:  E. N. Filinow

Geschichte der Anwendung universeller Digitalrechner in den Atom- und Kosmosprogrammen der UdSSR

bietet einen weitgespannten Einblick in die Geschichte der Entwicklung dieser strategischen Bereiche in der UdSSR und der Rolle der sowjetischen Rechentechnik und numerischen Mathematik. Es wird u.a. deutlich, dass  Computerarchitekturen, Verfahren der angewandten Mathematik und weitere Hochtechnologien  tiefe historische Wurzeln im Bereich der AdW UdSSR/RAN hatten und haben. Die Spezifik des innovativen Zuganges zu neuen Architekturen im High-end-Bereich bestand darin, dass Wissenschaftler mit dem Blick auf bestimmte Klassen von numerisch- algorithmischen Forderungen eine bestmögliche Architektur suchten. Das gelang in einigen sowjetischen Akademieinstituten - weit vor Start des ESER- Programms- auf hervorragende Weise. Die Komplexität von Aufgabe , numerischen Verfahren und Architektur in einer  Einheit schufen dafür ein besonders produktives Klima.

Dr Artikel hilft auch, den Platz des ESER in der RT/IT- Landschaft der UdSSR besser einzuordnen und scheinbaren Parallelismus in der UdSSR zu verstehen.

 

Die Orientierungen und Entwicklungen auf Höchstleistungen und spezifische Parallelalgorithmen waren jedoch keine Basis, eine moderne IT- Technologie in Großstückzahlen aufzubauen,  die Technik war in der Regel für Superleistungen am Rande des Machbaren konzipiert, eine Massenfertigung war technisch und wirtschaftlich unmöglich. Die dringend erforderlichen Arbeiten an modernster Peripherie ( wie etwa Plattenspeicher) wurden in Akademiekreisen zudem vernachlässigt. Der "Akademie- Ansatz" war aber auch organisatorisch wenig geeignet, Industrie- Technologie für Großserien zu entwickeln.

 

Der  deutschsprachige Artikel 

 "Chronologie der Hauptereignisse der Entwicklung der Rechentechnik und der Informationstechnologien 1946- 2000 [der UdSSR] von V. I. Tichonow  (В. И. Тихонов) 

bzw. seine Originalfassung (russisch)  zeigen sehr kompakt und anschaulich die Qualität der Leistungen, aber auch die Vielfalt  der Ressourcen  und Arbeitsrichtungen in der UdSSR - sowohl für militärische, als auch für gesamtvolkswirtschaftliche zivile Belange in einer Jahres- Chronologie. Viele Details , von der Geschichte des ersten Supercomputer BESM bis zu den letzten Supercomputern ELBRUS 3-1 und Elektronika SS LSI öffen einen breiten Blick auf Zusammenhänge und Hintergründe. 

 

2) Intensivierung und Unifizierung der Entwicklungen für breite Anwendungen der RT in der  Volkswirtschaft

 

Mitte der 60-ger Jahre wurde für die verantwortlichen Strategen und Fachleuten der UdSSR die Notwendigkeit immer klarer, durch breite Anwendungen der RT / Datenverarbeitung für die Bearbeitung  großer- gesamtwirtschaftlicher-  Aufgaben in der  Volkswirtschaft ( wie etwa Automatisierungssysteme für Lenkung und Leitung ) aber auch durch Optimierung komplexer technologischer Objekte ( wie etwa Automatisierungssysteme für technologische Prozesse ) die Volkswirtschaft effektiv und schnell zu entwickeln. Es entstand mit kräftiger Unterstützung durch Partei- und Staatsführung ein zweiter Schwerpunkt der Planung und Ressourcen-Entwicklung.

Parallel zum Schwerpunkt der Entwicklungen für den Verteidigungskomplex hatte sich , oftmals parallel ,  bereits eine Vielzahl von Rechner- Linien entwickelt , allerdings meist mit wirtschaftlich unbedeutenden Volumina !

Ein neuer Ansatz für die breite Anwendung in der Volkswirtschaft war  notwendig . Das betraf zunächst die universelle Datenverarbeitung( ESER)  , später auch die Entwicklung von Steuerrechnern für Echtzeit- orientierte Aufgaben( SKR) .

Zusammenfassend zum Thema ESER soll Generalkonstrukteur des ESER V. V. Prschijalkowskij zitiert werden:

"... Die Schaffung universeller kompatibler EDVA der 3. Generation (d.h. der Technologie mit integrierten Schaltkreisen) begann in der UdSSR 1968, obwohl Konzeptionen und Vorprojekte bereits 1966 /1967 forciert wurden. Damals stieg die Produktion von EDVA der zweiten Technologiegeneration stark an, dh. es entstand ein Industriezweig für Mittel der Rechentechnik (RT)- der EDVA- Entwicklung, der Bauelemente- Basis, externer Speicher, E/A- Peripherie und deren Zulieferindustrie. Daran waren (vollständig oder anteilig) 26 sog. Forschungsinstitute (NII) und Spezialkonstruktionsbüros (SKB) beteiligt. Mit der Produktion von Mitteln der RT waren mehr als 30 Unternehmen (Werke) befasst. Ein Teil davon unterstand der Hauptverwaltung für Rechentechnik des Ministeriums Radioindustrie der UdSSR. Es wurden folgende Typen produziert oder übergeleitet : БЭСМ-6, "Весна", БЭСМ-3, БЭСМ-4, М-220, "Урал-11", "Урал-14"," Минск-22", "Минск-23", "Минск-32", "Раздан-2", "Наири", "Днепр".

Die extreme Inkompatibilität der EDVA und ihrer verschiedenen Speicher- und Peripheriegeräte erschwerte gewaltig die Entwicklung automatisierter System der Informationsverarbeitung. In dieser Zeit wurde aber vom Staatlichen Komitee für Wissenschaft und Technik (ГКНТ) z.B. schon im an der Konzeption eines gesamtstaatlichen Rechnernetzes (ЕГСВЦ) und an großen Automatisierungssystemen für Industrie-Vereinigungen (Konzerne) und Organisationen gearbeitet. Es bestand die äußerste Notwendigkeit einer professionellen Standardisierung der Mittel der RT, ihrer Architektur, Basiskonstruktion, der Software (Operationssysteme), der Codierung, Interfaces und Protokolle usw...."

 

Die Entscheidung der Regierung der UdSSR aus dem Jahre 1968 zur Schaffung eines Einheitssystems der universellen Rechentechnik mit einer international führenden Architektur und die dazu getroffenen mehrseitigen Vereinbarungen waren daher

ein Meilenstein von enormer Tragweite zum Aufbau und der Konzentration von Ressourcen der UdSSR (und später weiterer Ressourcen um die UdSSR) für die Entwicklung und Anwendung von EDVA in der Breite der Volkswirtschaft. .

Ungeachtet dessen bestanden bis Ende der UdSSR mehrere andere wesentliche Architekturen. Schwerpunkte waren  Superrechner ( siehe "Chronologie der Hauptereignisse der Entwicklung der Rechentechnik und der Informationstechnologien 1946- 2000 [der UdSSR] und die Schaffung von Minirechnern.

3)  Super- Computer

Super- Computer waren in der UdSSR - parallel zum ESER / SKR- im Verlaufe der gesamten Entwicklungen bis 1990 (und auch aktuelle in Russland)  ständig ein strategisches Schwergewicht.   Nach Abschluss einer Reihe wichtiger geheimer Projekte der UdSSR auf Basis der Technologie der 3. Generation (Integrierte Logik- SK mittlerer  Integration) gewannen ab ca. 1985 in der strategischen Ressourcen- Planung Super- Computer  einer neuen Leistungs-Dimension wieder zunehmend an Bedeutung und hatten eine mächtige Lobby.

Die Architektur- Schulen der Akademie der UdSSR ( BESM6, ELBRUS, M-10 ) mit ihren hervorragenden Persönlichkeiten waren in einem Dilemma, welches trotz der Nutzung modernster Parallelarchitekturen zunehmend spürbar wurde . Das war vor allem dadurch bedingt, dass diese Linien- wie auch das ESER- in einer doppelten Technologie- Krise waren:

  • Es bestanden grundlegende Grenzen für Höchstintegration superschneller logischer Komplexe wegen veralteter Halbleitertechnologien (Strukturbreiten 1990 ca. 0,9 µm).  Superrechner - Projekte banden daher - neben militärischen Projekten- einen Großteil der Mikroelektronik- Ressourcen.

  • Fehlen leistungsfähiger Peripherie ( Plattenspeicher , moderne Computer- Netze usw. )

 Ab  1986 wurden auch SUPER- EDVA der internationalen Kooperation unter den MRK- Ländern zugängig gemacht. Dieser Versuch hatte jedoch nur ein wesentliches Ergebnis: Super-Rechner der UdSSR erhielten ESER- kompatible E/A- Kanäle, vorrangig für den Anschluss großer Plattenspeichersubsysteme , leistungsfähiger Drucker, Terminalsysteme usw. .

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