Persönlicher Kommentar_TV-Doku des RBB _Scharze Geschaefte
Interorgtechnika
Beiträge zur DDR- Geschichte des EinheitsSystem der Elektronischen Rechentechnik (1968-1990)
Rechentechnik der DDR im ESER Der internationale Vertragsrahmen Arbeitsumfeld des ESER in der UdSSR Arbeitsumfeld des ESER in der DDR
Produkte und ROBOTRON-Teams Chancen nach 1990 Beiträge Zeitraum 2009-2013 Bücher und persönliche Notizen 
 
Vorgeschichte der IT der DDR vor 1970

Zur ESER- Startperiode UdSSR/DDR

Systementwurf und Technologie

Wirtschaftlichkeit des ESER

Zwei Architekturlinien
Arbeit mit Prototypunterlagen
PersönlicherKommentar_
Schwarze Geschaeft
Neues auf der  WEB- Site
 

Persönlicher Kommentar zur RBB -Doku "Schwarze Geschäfte"

Am 2. Dezember 2018, 22.50 Uhr wurde  im rbb –Fernsehen die Dokumentation  „Schwarze Geschäfte – Honeckers Technologieschmuggler“, Schwarze Geschäfte- eine Dokumentation des RBB  gesendet.

Dieser Kommentar hat  das Ziel, für den Zuschauer der Sendung zu den auf das ESER bezogenen InterviewTeilen ungekürzte, korrekte Zusatzinformationen zu vermitteln.

In dieser TV-Dokumentation konnten viele  sachlich korrekte historische Zusammenhänge  der Tätigkeit  des DDR- Außenhandels und anderer Organe der DDR bei der  Unterstützung (vor allem) der Industrie mit Dokumentationen und Erzeugnissen dargestellt werden, die zu sehr unterschiedlichen Projekten, verschiedenen Zeitabschnitten unter Umgehung des Embargos beschafft  wurden.

Der COCOM-Hintergrund des Embargos wird  im TV- Beitrag  leider im Kontext einer  selbverständlichen "Rechtmäßigkeit" dieser Handels- und Lieferbeschränkungen dargestellt. Diese verletzten eindeutig das Recht auf freien Handel im Weltmassstab, waren Teil eines Technologie- Krieges des Westens. COCOM war  Element der USA als Weltpolizist. Die aktuelle Einsicht des amtierenden US- Präsidenten, diese Rolle aufzugeben, ist letztlich auch die Einsicht, dass Restriktionen wenig wirksam sind.

Während die Mehrzahl der Interview-Beiträge von unmittelbar an den Beschaffungs-Maßnahmen Beteiligten gegeben wurden, konnte der Beitrag zur DDR-Informatik- und Datenverarbeitung (Mainframe- Bereich) von einem Verantwortlichen eines unmittelbaren Entwicklungs-Bereiches erfolgen. Die ESER- Mainframe- Erzeugnislinie  konnte  aus diesen  Maßnahmen im Verlaufe von über 20 Jahren großen Nutzen ableiten. Darin unterscheidet sich dieser Teil der Doku u.E. wesentlich.

In der Absicht,  eine breite aktuelle medienwirksame Darstellung der bedeutenden Leistungen der DDR-Industrie auf dem  IT-Gebiet zu erreichen, verfolgte der Autor dieses Artikels  durch 2 Interviews und Material- Zuarbeit an das Autorenkollektiv der Doku das Ziel, die Erfolgsstory der DDR- Industrie und das Gewicht der engen Kooperation mit der UdSSR darzustellen, aber auch zu zeigen, dass gerade unsere Hardware- Technologie eine technologisch komplette Eigenentwicklung war, die auf Bauelementen und Technologie des RGW basierte. Damit sollten die Kernaussagen der WWW -Seite "eser-ddr.de" auch 2019 einem breiteren Fernsehpublikum nahegebracht werde.

 

Nach der Ausstrahlung  schrieb ich (05.12.2018) unter anderem an die Autoren der Doku:

Ihr Film hat  ..bei vielen meiner Gesprächspartner Zustimmung und Lob erhalten. Das möchte ich Ihnen als Dank sagen.
Dennoch hatte ich gehofft, mit Zahlen und Fakten die bedeutenden Leistungen der DDR-Industrie auf dem Gebiet der Informatik- und Datenverarbeitung deutlicher zu zeigen, darunter, dass wir eine hohe Effektivität aus der Zusammenarbeit mit der HVA/SWT  (!) erreicht haben, die über 20 Jahre stabil verlief .

Im Vorfeld war mir nicht bekannt, dass die geplante Doku unter der Thematik  "Aufarbeitung der DDR-Geschichte" mit dem Untertitel "Honeckers Technologieschmuggler " erfolgen wird und letztlich einer Endredaktion unterliegen würde, die viele Zusammenhänge ausblenden oder in einem einseitigen Kontext darstellen würde . Seitens der Interview- Teilnehmer war auch kein Einfluss auf inhaltliche Darstellungen und Zusammenhänge möglich . Auch technisch -inhaltliche "Ungenauigkeiten"  oder fehlerhafte Funktionsbezeichnungen  wären dadurch zu vermeiden gewesen.

 

Aber eine allseitige Darstellung der  Thematik hätte heute wohl wenig offizielle Unterstützung im TV gefunden, wenn der breiten Zuschauerzahl (zu) deutlich geworden wäre, dass die DDR- Geschichte viele Facetten hatte, die in der aktuellen ideologischen Konfrontation "unpassend" sind.

 

 

1.Rolle des Bereiches "Kommerzielle Koordinierung (KoKo)" für die ESER- Unterstützung

 

Bezüglich der Darstellung des Interview-Teiles zum ESER muss die in der Doku erfolgte Einordnung in den Tätigkeitskreis von Schalck-Golodkowski eher  als Element  einer "geschickten zweideutigen Verpackung" der Thematik betrachtet werden.

Im Interview wird tatsächlich von einer Zusammenarbeit mit den "Diensten der HVA (Hauptverwaltung Aufklärung des MfS)" gesprochen. Wir wissen aus der Biografie des langjährigen Chefs der HVA Markus Wolf, dass die Tätigkeit der Technischen Aufklärung der HVA/ Sektor Wissenschaft und Technik (SWT) lange vor der Einrichtung des Bereiches "Kommerzielle Koordinierung" begann, bereits vor Beginn der Produktion der EDVA "R300" ab 1965. (siehe dazu Auszüge aus "Die Unterstützung der elektronischen Industrie) .

Während der gesamten Zeit der Unterstützung der ESER- Arbeiten durch die HVA/SWT  bis 1989 war diese Unterstützung wirksam. Eine Mitwirkung des Bereiches KoKo wird in bekannten Veröffentlichungen nicht erwähnt und ist auch nicht bekannt.

 

Diese Anmerkung erfolgt, weil

   - in der Doku die wichtige Rolle der Mitarbeiter der HVA/SWT für den Zuschauer unter "falscher Flagge " dargestellt bzw. nicht erkennbar ist. 

   - in der Medienwelt der BRD der Bereich "KoKo" massiv negativ besetzt ist und dieser "Schatten" über dem gesamten Film liegt. 

 

2. Zum Gewicht der engen Kooperation mit der UdSSR Interevm

 

Die grundsätzliche Bedeutung der ESER- Arbeiten für die Existenz dieser Erfolgsstory und deren ökonischem Gewicht wird ohne eine  Darstellung der engen Kooperation mit der UdSSR für den Zuschauer nicht deutlich. Die kurze Erwähnung der ESER-Mainframes der DDR als "Marktführer im RGW" und kurze Szenen mit der ersten Internationalen ESER- Ausstellung 1975 in Moskau (Bild) gibt lediglich ein Andeutung dieser Thematik.

 

Der interessierter Leser wird diese Thematik umfassend auf  verschiedenen Seiten dieser Seite  "eser-ddr.de" finden , beginnend mit dem Überblick , der Betrachtung der wirtschaftlichen Bedeutung des umfassenden Handels mit der UdSSR  bis hin zu der umfangreichen wissenschatlich- technischen Kooperation mit der UdSSR.

Die umfangreiche Serienproduktion der ESER- EDVA von Robotron (> 1500 Anlagen ) und deren Anwendung brachten wirtschaftlichen Nutzen in Milliardenhöhe!

Die großen Zusammenhänge der Industriepolitik der DDR sind in sehr aussagefähigen Dokumenten - aus der Sicht der Entscheidungsprozesse im Politbüro der SED des Jahres 1988- nachzulesen .  Neben Aussagen zur Mikroelektronik- Politik findet man dort auch wichtige Daten zum großen Gewicht der ESER- Technik für die DDR Wirtschaft :

- Die „Schürer/Mittag-Kontroverse" im SED-Politbüro, 4. Mai 1988  , sowie - Analysen der DDR- Führung 1988 zur Strategie der Wirtschaftspolitik (Auszügen zum PB- Material mit Kommentaren )

Der sogenannte "Technologie- Schmuggel" stellte im Falle des ESER (und auch wichtiger anderer Bereiche, wie der Mikroelektronik ) für die Volkswirtschaft der DDR und der UdSSR eine Reaktion auf "COCOM"  im Kalten Krieg dar.

 

3. "Technologie- Schmuggel" oder Eigen- Technologie ?

 

Für einen Zuschauer der TV- Doku ist es  naheliegend,  unter dem Begriff des "Technologie- Schmuggels" die illegale Beschaffung von technologischen Ausrüstungen und Verfahren und deren weitgehende 1:1 Nutzung in der DDR zu vermuten. Eine derartige negative Wertung des Schmuggel- Begriffes geht komplett an den Fakten vorbei!

Es ist wichtig, dass der gesamte "Logische und Technische Entwurf" der EDVA- Anlagen, deren Konstruktion und Fertigungsausrüstungen auf Basis von Eigenentwicklungen der DDR oder des RGW erfolgen musste. In jeder Phase der Fertigung und Anwendung war die vollständige Beherrschung aller Prozesse als Eigenentwicklung eine grundsätzliche Bedingung. (Mit diesem Status unterschied sich die ESER- Linie wahrscheinlich von  verschiedenen anderen in der TV- Doku gezeigten Objekten ). Daher war die Entwicklung und technologische Sicherung der Produktion ein extrem aufwendiger Prozess, der auch alle wichtigen Zulieferungen (Bauelemente, Leiterplatten usw. ) betraf.

 

Zur "öffentlichen Aufklärung" dieses Feldes der latenten Diffamierung der Eigen- Leistungen der Software- und System- Entwickler, Konstrukteure und Technologen sind im Artikel "Arbeit mit Prototyp-Unterlagen"  Details  zu Informationen und  Zusammenhänge dargestellt . Neben der Notwendigkeit, Valuta- Importe ökonomisch zu vermeiden, war es Grundbedingung für einen stabilen UdSR- Export, dass keinerlei  Abhängigkeit von Lieferungen aus dem sog. "NSW" für den Produktionsbedarf bestand, eine strategische Forderung für die UdSSR (siehe dazu Details bei "Systementwurf und Techologie" ) .

 

4. "Gewicht der Mikroelektronik " und deren Perspektiven in der DDR  ?

 

Im TV-Interview wurde eine Pasage meiner Ausführungen aus dem Kontext herausgelöst und damit missverständlich.

Natürlich benötigte die DDR- Industrie moderne Mikroelektronik.

 

Meine Bemerkung bzgl. der Illusionen bei der Entwicklung von Prozessen und Bauelementen Mikroelektronik_fertigungmit VLSI- Niveau ( 4 MBit, 16 MBit.. ) bezog sich darauf, dass eine "Monokultur" bei VLSI - Halbleiterspeichern, vorrangig durch hochrangige Priorität  der Arbeiten im Kombinat Carl Zeiss Jena - Schwerpunkt im Zentrum für Mikroelektronik  Dresden (ZMD)-  für die Breite des DDR- Maschinenbaus und der IT- Industrie wenig effektiv war, sofern die Verfügbarkeit  bei 16- und 32-Bit Mikro - Prozessoren,  sowie vieler Logik- SK , d.h. dem Hauptbedarf der Wirtschaft,  nicht weitgehend synchron gesichert wurde und sofern nicht sehr große Stückzahlen eine Refinanzierung der Technologie- Investitionen ermöglichten.

Da das nur mit multivalent nutzbaren Basistechnologien machbar schien,  wurde bei der Konzeption der ESER- Nachfolgeanlage EC 1150 auf die Nutzung von CMOS- Gate-Array  Bauelementen gesetzt, die als Derivat der  VLSI- Technologie des ZMD entwickelt wurden.

 

Der Bereich der DDR- EDV- Entwicklung war, basierend auf einer Analyse der Möglichkeiten und Pläne der DDR- Industrie, darauf vorbereitet, die nächste Generation der DDR- EDVA - EC 1150 - und die Zusatzlogik von Personalcomputern mit CMOS- VLSI- Schaltkreisen aus Eigenentwurf mittels der Master- Slice - Technologie des ZMD Dresden zu entwickeln ( siehe dazu auch Vorlaufarbeiten.htm) und 32-bit Mikroprozessoren aus dem Kombinat Mikroelektronik (Erfurt) einzusetzen. Eine analoge Konzeption verfolgten auch andere wichtige Kombinate des Maschinenbaus in Raum Karl-Marx- Stadt.

 

Ab ca. 1985 potenzierten sich die Probleme, der Leistungsentwicklung der führenden IT- Technik zu folgen. Für alle Fachleute waren die zunehmenden extremen Anforderungen klar, die die VLSI- Integration, Supertechnologien bei Plattenspeichern, neuartige Bildschirmtechnologien, LAN/ WAN - Netze und vieles mehr stellten. Die großen Bemühungen in den verschiedensten Führungsgremien, den Rückstand bei Halbleitermaterialien, Werkstoffen und Ausrüstungen usw. aufzuhalten, wurden aber auf Ebene des leitenden technischen Managements vieler Bereiche wegen der gewaltigen Dimensionen der Anforderungen  als strategisch unreal bewertet und eine Umverteilung der Schwerpunkte vorgeschlagen. 

Heute wissen wir, dass es unmöglich gewesen wäre, unter den Bedingungen von Embargo und wirtschaftlicher Isolation vom Weltmarkt dem  rasanten Tempo der Entwicklung von IT- relevanten Hochtechnologien im Weltmaßstab zu folgen, auch nicht mit Rückstand von 4-5 Jahren!

Es bleibt unbestritten, dass der im ESER praktizierte Grundsatz: "Fertigungstechnologie  und Produktion auf Basis stabiler eigener Zulieferungen und eigenem "know- how " grundsätzlich vom Niveau dieser Zulieferungs- Basis abhingen. Daher musste der ständig zunehmende Abstand im RGW vom Weltstand zu einem unausweichlichen Dilemma innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung führen.  

Anmerkung :  In der TV- Doku fehlen wesentliche Aussagen zur Entwicklung des 1-MBit- Speichers  des Kombinates Carl Zeiss   bzw. wurden negiert. Die großen Leistungen der Entwickler und Technologen des Zentrums für Mikroelektronik Dresden (ZMD) sind hinreichend bekannt - es ist Fakt, dass neben dem (verfehlten) Dokumentations- Ankauf bei Toshiba der 1-Megabit- Chip U61000 des ZMD  (  U61000 ) eine DDR- Entwicklung war und dass dessen Muster korrekt funktionierten. 

Die wahre , umfangreiche  Darstellung dieser Geschichte und der Leistungen der Mitarbeiter der Mikroelektronik- Kombinate und des Bereiches SWT finden Sie bzgl.  Logik- und Speicher und zur Ausrüstungsbeschaffung in Auszügen eines spektakulären Buches von Mitarbeitern von SWT .

 

5. Der Industriestandort Chemnitz heuteICM2

Das hohe Niveau der Arbeiten im ESER- Entwicklungszentrum Karl- Marx- Stadt des Kombinat Robotron und des VEB Buchungsmaschinenwerkes (danach Ascota- AG ) , seiner vielen klugen, leistungsfähigen Mitarbeiter waren unzweifelhaft die Basis der Gründung oder Entwicklung  vieler Unternehmen nach 1990 am heutigen Industriestandort Chemnitz.

Die Ausstellung ESER- Technik im Industriemuseum Chemnitz war dafür ein wertvoller Beitrag.

Auch heute trägt das Industriemuseum Chemnitz (IMC ) dazu bei, Geschichte und Gegenwart der IT- Branche zu dokumentieren.

 

Die Autoren der TV- Dokumentation haben mit ihrem Film und den abschließenden Szenen zum ICM einen aussagekräftigen positiven Akzent gesetzt.

 

Ergo:

 

Die Doku erreichte einen großen Zuschauer- Kreis! Man gelangt nicht immer auf dem geraden, kurzen Weg an ein Ziel. Daher war wohl die geschickte Darstellung  der Thematik  gut geeignet, vielen interessierten Zuschauern diese Facetten der DDR- Geschichte darzustellen.

 

 

 
© Dr.Jungnickel