Start vor 40 Jahren
Interorgtechnika
Beiträge zur DDR- Geschichte des EinheitsSystem der Elektronischen Rechentechnik (1968-1990)
Rechentechnik der DDR im ESER Der internationale Vertragsrahmen Arbeitsumfeld des ESER in der UdSSR Arbeitsumfeld des ESER in der DDR
Produkte und ROBOTRON-Teams Chancen nach 1990 Beiträge Zeitraum 2009-2013 Bücher und persönliche Notizen 
 
Vorgeschichte der IT der DDR vor 1970

Zur ESER- Startperiode UdSSR/DDR

Systementwurf und Technologie

Wirtschaftlichkeit des ESER

Zwei Architekturlinien
Arbeit mit Prototypunterlagen
Neues auf der  WEB- Site
 

Zur ESER – Startperiode

Dr. Manfred Günther- der erste Chefkonstrukteurs der DDR im ESER- erinnert sich in einem  Gespräch im Mai 2008

zur Startperiode der Arbeiten am ESER

1968/1969 war den DDR- Entwicklern und Fertigungsspezialisten mit der ROBOTRON 300 - EDVA eine Erfolgsstory gelungen, auf deren Basis nachfolgend die internationale Position der DDR- IT- Technik aufgebaut werden konnte.(siehe auch Bild oben) 

Dr. Manfred Günther berichtet von Zusammenhängen und Episoden und beantwortet Fragen mit Tiefe und Präzision. Seine Augen leuchten und sein Gesicht lebt so, wie viele seiner Mitstreiter ihn aus der Anfangszeit des ESER kennen und verehren. Doch dieses Interview- Gespräch mit dem Autor dieser WEB- Site fand nicht in den 70ger Jahre statt, wie hunderte Beratungen damals, sondern in den  Maitagen des Jahres 2008 – fast genau 40 Jahre nach den denkwürdigen und interessanten Ereignissen bei der Vorbereitung und Gründung des ESER.

3CK der DDR im ESER

Die drei Chefkonstrukteure der DDR im ESER während eines Treffens im Mai 2008:Mitte: Dr. Manfred Günther, rechts Prof. Dr. Gerhard Merkel, links der Autor.

Historisch verbürgte Fakten und Zusammenhänge aus der Startphase des ESER- 1968 / 1969, vor und nach Gründung der Mehrseitigen Regierungskommission Rechentechnik waren bislang unter „www.eser-ddr.de“ und in anderen Quellen unvollständig oder auch einseitig dargestellt. Es ist daher besonders erfreulich, diesen Mangel durch Erinnerungen des ersten Chefkonstrukteurs der DDR für das ESER - Dr. Manfred Günther- weitgehend beseitigen zu können bzw. eine authentische Facette „aus sehr gut informierter Quelle“ hinzuzufügen. Obwohl nur noch wenige Unterlagen erhalten sind, sind seine Erinnerungen frisch und erstaunlich vielseitig… .

 

Eine erste Frage betrifft zunächst die Geschehnisse der Jahre 1968/ 1969, speziell die Architektur- relevanten Fakten im Vorfeld  des Abschlusses des mehrseitigen

Abkommen über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Entwicklung, Produktion und Anwendung von Mitteln der Rechentechnik“ vom 23.12.1969 (MRK - ESER- Vertrag)

zwischen den Regierungen der Volksrepublik Bulgarien, der Ungarischen Volksrepublik, der Deutschen Demokratischen Republik, der Volksrepublik Polen der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken und der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, dabei insbesondere das Zusammenwirken zwischen UdSSR und DDR.  

Dr. Manfred Günther nimmt zunächst Bezug auf den  Artikel von Generalkonstrukteur Victor Prschijalkowskij  zur ESER- Geschichte (Original im Moskauer Internet- Computer-Museum) und erinnert sich dieser Zeit in vielen Details. Er war zu jener Zeit Entwicklungschef der VVB "Datenverarbeitung und Büromaschinen" (DuB) mit Sitz in Erfurt, der zentralen Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB)  der DDR für die Rechentechnik, Datenverarbeitung und Büromaschinen.

In der DDR war bekanntlich die Profilierung der Volkswirtschaft in vollem Gange, zu der unter W. Ulbricht bereits 1956 die Aufgabe formuliert wurde, die „Produktion von Elektronenrechenmaschinen sowie die Entwicklung der Halbleitergeräte für verschiedene Zwecke“ einzuleiten. Als Instrument  zur Arbeit an einer koordinierten  Systempolitik war ja bereits am 1.April 1957 der VEB Elektronische Rechenmaschinen Karl Marx Stadt gegründet worden. Mit dem Regierungs- "Programm zur Entwicklung, Einführung und Durchsetzung der maschinellen Datenverarbeitung in der DDR" wurde dann 1964 ein neuer Industriezweig geschaffen. Die Vereinigung Volkseigener Betriebe für Datenverarbeitungsanlagen und Büromaschinen (VVB DuB) war als zentrales Wirtschaftsorgan dafür zuständig. Und was weiterhin wichtig war: in der DDR wurde 1966 Günter Kleiber als  Staatssekretär für Datenverarbeitung beim Vorsitzenden des Ministerrates der DDR eingesetzt, der dann im April 1967 auf dem VIII. Parteitag der SED zum Kandidaten des Politbüros des ZK der SED gewählt wurde. Das war ein Ausdruck für die besondere politische und wirtschaftliche Bedeutung, die damals der Entwicklung, Produktion und Anwendung der maschinell Datenverarbeitung  in der DDR beigemessen wurde, was auch wirkungsvoll in der Gestaltung der Zusammenarbeit mit der UdSSR genutzt werden konnte. Dr. Günther erinnert sich daran besonders, weil in dieser Zeit an die VVB DuB nicht nur besonders hohe Anforderungen gestellt wurden, sondern weil diese Konstellation auch hochrangige Kontakte mit UdSSR- Regierungsstellen und -Wissenschaftlern ermöglichte. 

Im Vorfeld des Abschlusses des mehrseitigen Regierungsabkommens , des MRK - ESER- Vertrages , war im Ergebnis von Beratungen von Partei- und Regierungsdelegationen beider Länder bereits am 22. Dezember 1968 ein zweiseitiges Abkommen geschlossen worden , im Juni 1969 wurde dazu  ein Ergänzungsabkommen  vorrangig zu Fragen der Arbeitsteilung geschlossen.  Im Verlaufe des Zeitraumes bis Dezember 1969 erfolgten daher intensive zweiseitige Spezialisten -Beratungen zu den Inhalten des Projektes "Ряд", später "ESER Reihe 1" . ( s.u. "Eckpunkte" )

 

Zu Architektur- relevanten Fakten stellt Dr. Manfred Günther  zunächst fest, dass in der DDR mit der Arbeit am System-Konzept R400 mit seiner stabilen  /360- Orientierung eine langjährige kontinuierliche Arbeit erfolgte. Das erweckte  für viele DDR- Beteiligte den Eindruck, dass das auch in den Entscheidungsprozessen der UdSSR so war. Lakonisch stellt der Gesprächspartner dazu fest, dass die Prozesse zur Entscheidungsfindung in der UdSSR für die  Wahl der Vorbild – Architektur offenbar sehr viel komplexer verliefen, als selbst in den beiden Artikeln des ESER-Generalkonstrukteurs Victor Prschijalkowskij  über die  ESER-Geschichte  und die Geschichte des NIZEWT nachzulesen. Die Analyse- und Entscheidungsprozesse in der UdSSR, wie man sie dort aus den Darlegungen von V.V. Prschijalkowskij entnehmen kann, können aus DDR- Sicht um wesentliche Fakten ergänzt werden.

 

Bereits im Rahmen der mehrseitigen Arbeiten in der Sektion 3 der Kommission Radioelektronik des RGW waren in den Jahren 1966/67 Arbeiten mit dem Ziel der Schaffung eines gemeinsamen Systems kompatibler EDVA angelaufen, die DDR-Seite  hatte schon damals die Weiterführung ihrer R-300- Konzeption mit IBM Orientierung vorgeschlagen (Projekt R-400).

Im Verlaufe des ersten Halbjahres 1968 besuchte dann in bisher ungewohnter Art eine Reihe hochrangiger UdSSR- Regierungs- und Wissenschaftlerdelegationen die DDR. Sie interessierten sich besonders für die Potentiale und Arbeiten der DDR auf dem Gebiet der der Entwicklung neuer Datenverarbeitungssysteme, aber auch für die Produktionspotentiale der traditionellen Büromaschinenindustrie Thüringens und Sachsens. Dr. Günther nennt aus eigenem Erleben mehrere Besuche des Jahres 1968 von größeren Spezialistenteams der UdSSR in  Einrichtungen der VVB DuB, darunter in Sömmerda, Erfurt, Karl- Marx- Stadt (ELREMA), Radeberg u.a.. Er erinnert sich dabei auch an den Besuch des Chefs der 8. Hauptverwaltung des Ministeriums für Radioindustrie der UdSSR (MRI) , M. K. Sulim, an den Direktor des NIEM S. A. Krutowskich, dem ersten Generalkonstrukteur des ESER, und an weitere Persönlichkeiten, deren Rolle den DDR- Verantwortlichen oft erst später klar wurde. Das waren im Gegensatz zu den früheren Partnern der RGW- Kommission 13/ Sektion 3  ausschließlich Vertreter des Ministeriums für Radioindustrie (MRI), was offenbar mit der Übertragung der Verantwortung für das Projekt „Rjad“ in der UdSSR an das  MRI zu erklären war.  

Zeitlich lagen diese Besuche parallel zum Prozess der abschließenden Beschlussfassung in der UdSSR zum Architektur- Prototyp des Systems „Ряд“  (REIHE), was aber nach außen nicht deutlich wurde. Ab 1969 setzten sich derartige Besuche leitender Persönlichkeiten der UdSSR dann fort, darunter auch des 1.Stellvertreters des Vorsitzenden der staatlichen Plankommission (GOSPLAN) der UdSSR M.E. Rakowski, des späteren  ständigen Vorsitzenden der MRK Rechentechnik und des Ministers für Radioindustrie der UdSSR (MRI) V.D.Kalmykow.

 Man konnte bislang aus den zurückhaltenden Äußerungen von V. V. Prschijalkowskij zur Geschichte der Kooperation DDR/ UdSSR insbesondere in der ESER- Startphase  zwar durchaus entnehmen, dass die Offenlegung des Arbeitsstandes der Software-Technologie des DDR-Projektes „Robotron 400“ im Verlaufe des Jahres 1968 den Vertretern der /360- Architektur in der UdSSR gute „pro /360“-Argumente und Fakten vermittelte. Aber die Fragen der Software- Technologie waren offenbar nur die bekannte Spitze des Eisberges. Verschiedene Spezialistenberatungen zwischen UdSSR und DDR aus dem Jahre 1968 erhöhen nach Meinung von M. Günther die Wahrscheinlichkeit stark, dass die sehr offene Darlegung des komplexen Arbeitsstandes der DDR am Projekt R400 , seiner  Dokumentationsquellen und die Durchführung verschiedener gemeinsamer Arbeiten in der DDR an Importgeräten entscheidend dazu beitrugen, dass in der UdSSR letztlich die Fakten zu  Gunsten der  /360- Architektur  für das  Projekt „Reihe“ dominierten.

Eine Offenlegung des Arbeitsstandes seitens der DDR war damals noch sehr ungewöhnlich, besonders  wegen der Spezifik der Dokumentationsbeschaffung. Sie wurde aber operativ notwendig, um den Erhalt und kontinuierliche Weiterführung der  laufenden Arbeiten am Projekt R400  in der DDR unter sich abzeichnenden neuen Bedingungen der Kooperation zu sichern und um gravierende Verluste  der DDR bei einer eventuellen Änderung der Systemorientierung durch die UdSSR zu vermeiden.

Ein Beispiel ist noch gut in Erinnerung: Zweiseitige Spezialistentreffen im Sommer 1968 in Moskau machten deutlich, dass in der UdSSR interne Positionskämpfe zur Wahl der  künftigen Systemarchitektur erneut aufflammten, wobei sowohl einheimische (vaterländische) Systemlösungen, als auch andere Architektur- Optionen (ICL, Siemens) zur Diskussion standen. Es gab Informationen, dass die ESER- Software auf Basis einer offenbar außerordentlich günstigen Lizenz einer englischen Firma entstehen sollte. Wenn diese Orientierung verbindlich würde , hieße das für die Arbeiten in der DDR eine empfindliche Verzögerung der Entwicklung moderner EDVA um weitere Jahre und den Verlust eines hohen Anteils  bereits geleisteter Vorarbeiten und Investitionen.  Aber insbesondere das Ergebnis umfangreicher Analysen zu internationalen Trends und Marktentwicklungen hatten die Überzeugung gefestigt, dass eine Abkehr von der IBM- Architektur unweigerlich in eine Sachgasse führen würde: spätstens bei der Verschärfung der US- COCÖM Doktrin. Eine nachdrückliche Einflussnahme durch Regierungsstellen der DDR gegenüber Regierungsstellen der UdSSR war daher dringend geboten.( siehe auch Anmerkung

In solchen kritischen Phasen dieser Prozesse ( und später bei verschiedenen  Grundfragen der Vertragsregelungen) half auf hoher Regierungsebene das persönlich Wirken des damaligen Staatssekretärs Günter Kleiber, aber wohl eher sein politisches Gewicht als Kandidat des Politbüros des ZK der SED, um die gewählte DDR- Linie gegenüber den UdSSR – Partnern zu bekräftigen und letztlich als Grundlage der Zusammenarbeit zu erhalten. Das unterstrich das hohe Niveau der laufenden DDR- Arbeiten und trug  sicher wirkungsvoll dazu bei, dass andere Architektur- Varianten in der UdSSR nicht zum Tragen kamen.  Die Entscheidung für System /360 ermöglichten schließlich die kontinuierliche Fortsetzung der Arbeiten in der DDR.

Rückblickend kann man also durchaus berechtigt feststellen, dass  wesentliche Teile der Systementscheidungen der UdSSR zum „Prototyp“ für das ESER de facto durch die vermittelten Informationen über die Arbeiten am Komplex R400 bei ELREMA Karl- Marx- Stadt und die erklärte Bereitschaft der DDR beeinflusst wurden, die Entwicklungsergebnisse der UdSSR zur Verfügung zu stellen sowie die weiteren Entwicklungsarbeiten gemeinsam mit der UdSSR durchzuführen. Danach wurde der "/360-Prototyp“ für das ESER letztlich mehrseitig verbindlich beschlossen.

 

Hier schließt sich die Frage an, in welchen Schritten sich der Wandel von einer zweiseitigen Kooperation zu der dann realisierten mehrseitigen Kooperation darstellte und welche Partnerschaften dabei existierten.

Einleitend stellt Manfred Günther fest, dass die Prozesse der zweiseitigen und mehrseitigen Zusammenarbeit im Verlaufe der Jahre 1968/1969 stark parallel und verflochten verliefen.

Eckpunkte waren: 

  • 1968 wurde die Vorbereitung des zweiseitigen Abkommens zur Kooperation und Spezialisierung auf dem Gebiet der Rechentechnik UdSSR/ DDR mit der Unterzeichnung des Abkommens am 22.12.1968 abgeschlossen. Die Unterschrift für die DDR leistete Gerhard Schürer, der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR und Vorsitzende des DDR-Teils der Paritätischen Regierungskommission UdSSR/ DDR;

  • Die zweiseitigen Arbeiten gemäß Abkommen liefen mit voller Konsequenz an;  

  • Mitte 1968 begannen mehrseitige Arbeiten am ESER- Konzept und –Abkommen;

  • Mehrere Tagungen der Mehrseitigen Regierungskommission (MRK)  und des Rates der Chefkonstrukteure ESER (RCK), beginnend Anfang 1969, dienten dem Start der mehrseitigen Arbeiten am ESER- System;

  • Am 23.12.1969  wurde  auf der 3. Tagung der Mehrseitigen Regierungskommission das ESER aus dem Stadium eines Projektes in den Status einer mehrseitigen Regierungsvereinbarung erhoben. Die Unterschriften leisteten Regierungsbevollmächtigte, für die DDR unterzeichnete Günter Kleiber in seiner Funktion als Staatssekretär beim Vorsitzenden des Ministerrates der DDR.

  • Das MRK- Abkommen von 1969 wurde danach 1980 und 1982 ergänzt

  • Die DDR- Mitgliedschaft wurde am 20. 9. 1990 in Moskau unter Verweis auf den Inhalt des Artikels 12 des Einigungsvertrages- "Verträge der Deutschen Demokratischen Republik" -  in einer Beratung zwischen Manfred Günther und dem Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Rechentechnik und Informatik der UdSSR, Herrn Tolstich, beendet

Die verschiedenen Aspekte dieser Prozesse werden dann durch Dr. Günther näher erläutert:

Die Abstimmungen und Verhandlungen zur gemeinsamen Schaffung von Mitteln der Rechentechnik/ Datenverarbeitung erfolgten zunächst in zweiseitiger Kooperation zwischen UdSSR und DDR gemäß entsprechender  Regierungsprotokolle lange vor Beginn der Zusammenarbeit mit dem MRI der UdSSR.

Auch die Arbeiten der ständigen Kommission 13 des RGW und deren Sektion 3 waren auf ein leistungsfähiges kompatibles EDVA- System  gerichtet. Die Entwicklung der zweiseitigen Zusammenarbeit mit der UdSSR und schließlich auch der mehrseitige Zusammenarbeit auf dem Gebiet des ESER sei aber nicht direkt auf die Arbeiten der ständigen Kommission 13 des RGW und deren Sektion 3 zurückzuführen. In der Sektion 3 wurde die UdSSR von Experten des Ministeriums für Gerätebau der UdSSR vertreten. Diese schlugen eine Konzeption aus einer Entwicklungseinrichtung der UdSSR in Sewerodonezk, die zum Ministerium für Gerätebau und Automatisierung gehörte, mit der Bezeichnung „ASWT“ („Automatisiertes System der Rechentechnik“) vor . Diese Systemkonzeption kam der DDR- Konzeption R400 zwar nahe, war aber als „multivalente Architektur“ nicht /360 typisch.

In der UdSSR wurden aus Gründen, die uns damals verborgen blieben, 1968 die internen Verantwortlichkeiten für eine leistungsfähige Modellreihe kompatibler EDVA offiziell dem Ministerium für Radioindustrie (MRI) der UdSSR zugeordnet. Die Informationen, welche z.B. über verschiedenste Interna innerhalb des Ministeriums und des NIZEWT  nach 1990 veröffentlicht wurden, waren selbst den Leitern im DDR- Ministerium für Elektrotechnik/ Elektronik unbekannt. Partner in den folgenden zweiseitigen Beratungen und bei der Vorbereitung und Realisierung des mehrseitigen Abkommens wurde also das MRI. Wie wir später erkannten, verfügte dieses Ministerium über beachtliche Kapazitäten auf dem Gebiet der Rechentechnik. Zu diesem Ministerium gehörte auch das Werk „Ordschonikidse“ in Minsk, in welchem u. a. die Rechnerserien URAL und MINSK produziert wurden. Und wie wir heute wissen war dieses Ministerium das Leitministerium für die Entwicklung und Produktion von universellen und spezialisierten Rechnersystemen in der UdSSR und auch sehr stark in den militärisch- industriellen Komplex der UdSSR eingebunden, z.B. mit elektronischen Bordausrüstungen für Flugzeuge und bodengestützte Systeme.

Im Bereich des MRI war eine Konzeption für ein Rechnersystem entwickelt worden, das uns im Zuge der Vorbereitung des zweiseitigen Abkommens Mitte 1968 auf einer Beratung bei GOSPLAN der UdSSR als System „Rjad“ (Reihe)  vorgestellt wurde und im Weiteren die Grundlage aller zwei- und mehrseitigen Arbeiten wurde. Diese Konzeption vertieften die UdSSR – Spezialisten dann in einer zweiseitigen Spitzenberatung mit einer DDR- Spezialisten- Gruppe in Moskau Mitte 1968, an der auch Dr. Günther teilnahm, in der sie  ein umfangreiches, 5 Bände umfassendes „Vorprojekt“ zum System „Rjad“ (REIHE) -später ESER-1 vorlegten und erläuterten. Für die beteiligten führenden DDR- Spezialisten aus mehreren Industriebereichen (Datenverarbeitungs- und Büromaschinen, elektronische Bauelemente) wurden darin gute Chancen für ein gemeinsames systemtechnisches und technologisches Zusammenwirken unter Nutzung der schon bestehenden DDR – Basis gesehen. Dieses /360 orientierte  Konzept wurde daher DDR- seitig als Basis der zweiseitigen Kooperation voll unterstützt.

  Parallel zu technischen Konzeptionsarbeiten auf zweiseitiger Basis unterbreitete die UdSSR ab Mitte 1968  auf Regierungsebene bereits verstärkt  ihren Standpunkt für eine mehrseitige vertragliche Kooperation und Spezialisierung im Bereich der Rechentechnik. DDR- Regierungsstellen und Fachleute sahen 1968 aber zunächst noch Vorteile in einer wirkungsvollen zweiseitigen technischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Arbeitsteilung zwischen der UdSSR und der DDR und konzentrierten ihre Arbeiten darauf. Das entsprach auch Regierungsprotokollen, wo die Vorbereitung eines zweiseitigen Abkommens vereinbart war.

In der Zeit der Vorbereitung des zweiseitigen Abkommens von Dezember 1968 und seines Ergänzungsabkommens vom Juni 1969 gab es zwischen beiden Seiten u.a. harte Auseinandersetzungen zur Spezialisierung. Die sowjetische Seite vertrat den Standpunkt, dass sich die DDR auf die Entwicklung und Produktion elektromechanischer Peripheriegeräte konzentrieren solle. Sie argumentierte, die UdSSR habe genügend Kapazitäten, um die DDR mit EDVA- Zentraleinheiten zu versorgen. Vor allem der zuständige Abteilungsleiter in GOS- Plan (später lange Zeit Leiter des Ökonomischen Rates der MRK-Rechentechnik), Herr Samarin,  war hierzu ein maßgeblicher Vertreter. Und Manfred Günther ergänzt : „In den von mir beobachteten mehr als 20 Jahren haben sie diese Meinung nie ganz aufgegeben“. Betrachtet man jedoch auch die von Viktor Prschijalkowskij 1995 dokumentierte total unbefriedigende Situation bei der Entwicklung und Produktion von ESER- EDVA in der UdSSR, dann wird deutlich, wie entfernt von der systemtechnischen Realität derartige Standpunkte waren. Insofern war die mit dem zweiseitigen Regierungsabkommen und auch später in der mehrseitigen Zusammenarbeit durchgesetzte Spezialisierung der DDR auf mittlere EDVA und auf Betriebssysteme prägend und von außerordentlicher wirtschaftlicher Bedeutung für die Entwicklung der Rechnerindustrie der DDR in den folgenden 20 Jahren.

 Im zweiseitigen Vertrag vom 22.12.1968 wurde auch fixiert:

Artikel1: „Beide Seiten schaffen in den Jahren 1971-1973 ein einheitliches System der elektronischen Datenverarbeitungstechnik.

Artikel 7: „Jedes sich aus diesem Abkommen ergebende Vorgehen der Seiten wird mit der Arbeit zur Schaffung des einheitlichen Systems der elektronischen Datenverarbeitungstechnik für alle interessierten sozialistischen Länder koordiniert. Die DDR und die Sowjetunion werden sich an den Arbeiten in der zu diesem Zweck durchzuführenden mehrseitigen Zusammenarbeit mit allen interessierten sozialistischen Ländern beteiligen.  

Seitens der UdSSR- Verantwortlichen der Staatlichen Plankommission (GOSPLAN) wurde aber die mehrseitige Zusammenarbeit offensichtlich eindeutig als Schwerpunkt in der  Politik der UdSSR zur sozialistischen ökonomischen Integration vertreten.

 

Wie wurde denn das mehrseitige Abkommen( MRK- Abkommen)  zur Rechentechnik mit seinen Festlegungen zur Arbeitsweise und zur Struktur der Arbeitsorgane und den fachlichen Zielen mehrseitig vorbereitet? 

Oben wurde bereits dargestellt, dass die Prozesse der zweiseitigen und mehrseitigen Zusammenarbeit im Verlaufe der Jahre 1968/1969 stark parallel und verflochten verliefen.

Der erste Stellvertreter des Vorsitzenden der UdSSR-Plankommission, M. E. Rakowski, hatte bereits im Verlaufe des Jahres 1968 gegenüber G. Kleiber auf die Notwendigkeit einer mehrseitigen Zusammenarbeit hingewiesen. Ein Antwort- Schreiben des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR W. Stoph an den Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR  N. A. Kossygin ( Kopie des Schreibens)  lässt erkennen, dass in der DDR zunächst Bedenken bezüglich der Effektivität einer mehrseitigen Arbeit bestanden, aber wohl vor allem die Sorge existierte, die Umsetzung der zweiseitig vereinbarten Systempolitik und Spezialisierung auf Basis der Arbeiten zu den Konzepten  „R400“ und „Rjad“ könnte verzögert oder verändert werden und dass damit zu befürchten wäre, dass die bedeutenden und umfangreichen systemtechnischen Vorleistungen in der DDR mit großen ökonomischen Verlusten nutzlos würden.

 Jedoch war unbestritten, dass man sich der Position der UdSSR, auf diesem bedeutenden Gebiet der wissenschaftlich technischen Entwicklung auch andere interessierte sozialistische Länder mit einzubeziehen bzw. nicht auszuschließen, nicht verschließen konnte. Daher wurde der Schaffung eines Rates der Chefkonstrukteure der beteiligten sozialistischen Länder  von der DDR- Regierung zugestimmt mit dem deutlichen Hinweis auf Beibehaltung des Systemkonzeptes „Rjad / R400“.

 Ab Herbst des Jahres 1968 erfolgten Treffen von Beauftragten der Länder, weit vor der offiziellen Unterzeichnung des „Mehrseitigen Regierungsabkommens zur gemeinsamen Entwicklung, Produktion und Anwendung eines einheitlichen Systems der elektronischen Rechentechnik“ Ende 1969. In dieser Phase wurden bereits leitende Persönlichkeiten der Länder für die technische Leitung der Arbeiten berufen. Als Chefkonstrukteur der DDR wurde Dr. Günther, damals als Direktor für Forschung und Entwicklung der VVB DuB, benannt.

 Die Struktur der Kommission insgesamt und auch die Arbeitsorgane des Rates der Chefkonstrukteure entstanden aus der Zielstellung,  ein Projekt als  „Einheitssystems“ zu realisieren. Dabei wurde u. a. der Grad der Vereinheitlichung innerhalb dieses Systems sehr kontrovers diskutiert. Von einigen Teilnehmern, vor allem von der sowjetischen Seite wurde zunächst der Standpunkt einer absoluten Einheitlichkeit „bis zur letzten Schraube“ vertreten. Maßgeblich waren offensichtlich hier die Anforderungen des militärischen Komplexes, im  Havariefall/ Verteidigungsfall erforderliche Services und die Ersatzteileversorgung bzw. eine schnelle Austauschbarkeit von Geräten  mit wenig Aufwand zu gewährleisten. Schließlich verständigte man sich auf das von allen Seiten als realisierbar erkannte Ziel einer Vereinheitlichung auf der Ebene der Interfaces und der Basiskonstruktion sowie die Gewährleistung der Aufwärtskompatibilität zwischen den Modellen der „Reihe“ als Zielstellung für die „Einheitlichkeit" des Systems zu fixieren.

 Viele Details der Organisation wurden offenbar aus Projekt- Dokumenten übernommen, wie sie in der UdSSR für strategische Großprojekte üblich waren und sich bewährt hatten. Auch die Vorschläge zur Strukturen der Arbeitsorgane und die Prozeduren der Entscheidungsfindung und der Prüfung der Ergebnisse  erinnerten stark an straffe, halbmilitärische Arbeitsmethoden. Auffallend waren auch die Bestrebungen der UdSSR- Seite, die allgemeinen Systemforderungen an ein System sowjetischer Standards anzulehnen, die offenbar aus dem militärisch- industriellen Komplex stammten.

 In den Beratungen zur Vorbereitung des Regierungsabkommens beeindruckten aber vor allem die hohen Bedarfszahlen, welche die UdSSR- Vertreter in vorläufigen Dokumenten darstellten. Allen Beteiligten war klar, dass die UdSSR der Hauptbedarfsträger für die Ergebnisse der Zusammenarbeit ist. Damit und natürlich auch unter den politischen Gegebenheiten war der deutliche systemtechnische und wirtschaftliche Führungsanspruch der UdSSR in allen Organen der künftigen Regierungskommission begründet. Viele der ursprünglich genannten Zahlen erwiesen sich allerdings dann Jahre später als wesentlich zu hoch angesetzt.

 Insgesamt war erst zum Jahresende 1969 das Abkommen fertig gestellt, welches zu einem konkreten und zielgerichteten  Handeln einer großen Zahl von Fachleuten  und Organisationen in den beteiligten Ländern führte.

Warum wurde das MRK- Abkommen außerhalb der Regelungen des RGW vorbereitet und abgeschlossen?

Hier  soll auf eine sehr häufig anzutreffende unkorrekte Einordnung der Zusammenarbeit im ESER als Arbeiten innerhalb des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe der sozialistischen Länder" ( „RGW “) hingewiesen werden.

Die Zusammenarbeit zur Schaffung des ESER und auch aller später noch vereinbarten Komplexe (u. a. zum System der Kleinrechner „SKR“ und zu elektronischen Bauelementen und Ausrüstungen) im Rahmen der mit dem Abkommen von 1969   gebildeten Regierungskommission  war nicht Bestandteil der Organisation des RGW, sondern erfolgte unabhängig von den Gremien und Leitungsorganisationen des RGW im Rahmen der von den Regierungen der beteiligten Länder mit dem Abkommen vom Dezember 1969 speziell gebildeten „Mehrseitigen Regierungskommission"- der sog. "MRK- Rechentechnik" .

Im Rahmen der MRK- Rechentechnik und aller ihrer Organe galten andere Grundsätze der Führung, Abstimmung und Entscheidungsfindung, als im Rahmen der RGW Organisationen, ohne die die Verwirklichung eines solchen komplexen Vorhabens auch nicht möglich gewesen wäre. So waren im Rahmen der MRK- Rechentechnik, deren ständiger Vorsitzender, die Leiter der Räte der Chefkonstrukteure und aller Spezialistenräte und zeitweiligen Arbeitsgruppen grundsätzlich verantwortliche Führungskräfte aus der UdSSR.  Im Rahmen des RGW  erfolgte hingegen in den Kommissionen und anderen Arbeitsorganen jeweils ein turnusgemäßer Wechsel des Vorsitzes  zwischen Führungskräften der beteiligten Länder.  

Aus solchen und sicher auch anderen Gründen haben sich auch nicht sofort alle dem RGW angehörenden Länder dem MRK-Abkommen angeschlossen. Erst später traten dem Abkommen dann die Sozialistische Republik Rumänien und die Republik Kuba bei.

Und noch eine Frage zu einem „wunden Punkt“ der mehrseitigen Spezialisierung – warum wurde letztlich DDR- seitig auf die Weiterführung der begonnenen Entwicklung und Produktion von Magnetplatten – Speichern verzichtet, deren Qualität und verfügbare Menge ja eine Schlüsselrolle  für eine effiziente Anwendung von EDV-Systemen hat?

M. Günther erinnert sich dazu vieler Details:

Im Rahmen der Projekte für R400 wurde bei Robotron/ Radeberg auch die  Entwicklung  eines 14 Zoll Wechselplattenspeichers mit einer Kapazität von 7,25 MByte/ Spindel eingeleitet und bis zur Kleinserienfertigung geführt. In der DDR wurden Ende der 60-er Jahre, auch im Zusammenhang mit der Vorbereitung des zweiseitigen Abkommens mit der UdSSR vom Dezember 1968, und weiter bis Anfang der 70-er Jahre umfangreiche Arbeiten zur Einordnung der erforderlichen Kapazitäten für eine bedarfsgerechte Produktion, für Inland und zu erwartenden Export unternommen, ohne den eine derart kapital- und ingenieurintensive Linie undenkbar ist. Der DDR Bedarf und die Exportchancen sprachen für ein wirtschaftliches Produktionsvolumen. Sowohl Betriebe der Elektrotechnik und auch des Maschinenbaus der DDR verfügten über ein geeignetes technologisches Basisprofil, aber kaum über Investitionsmittel, um diese Aufgaben zusätzlich einzuordnen. Der Bedarf einerseits und die Kapazitäts- und Technologie- Voraussetzungen andererseits in Einklang zu bringen, das war wie die Quadratur des Kreises. Für die Plattenspeichertechnik eine Großserienfertigung in Radeberg aufzubauen, war im Rahmen verschiedener Planungs-Konzepte mehrfach geprüft und immer wieder negativ beschieden worden.

Anders agierten die Bulgaren. Der bulgarische Teil der MRK- Rechentechnik unter Leitung des Mitglieds des Politbüros des ZK der KP Bulgariens und Stellvertreters des Ministerrates der VRB , Prof. Ivan Popov,  erklärte seine Bereitschaft, in Bulgarien die erforderlichen Voraussetzungen für die Entwicklung und eine stabile Großproduktion von Wechselplattenspeichern zu schaffen und den Bedarf der Teilnehmerländer auf diesem Gebiet zu decken. Die bulgarische Seite folgte dabei der Erkenntnis, dass Speichertechnik, damit auch Wechselplattentechnik, in EDV- Systemen eine Schlüsselposition einnehmen und diese Erzeugnisse in einer Größenordnung Produktionsvolumina und Exporte ermöglichen würden, die vergleichbar mit der Autoindustrie sind. In Bulgarien wurden außerordentlich hohe Investitionen und Importe an technologischen Spezialausrüstungen realisiert, mit dem Bau mehrerer großer Werke begonnen und große Kapazitäten für die Entwicklung moderner Plattenspeichertechnik aufgebaut. Bulgarien verfügte über die notwendigen Arbeitskräftereserven und brachte hohe Valutasummen auf. Von all dem konnten sich auch DDR-Delegationen oftmals augenscheinlich überzeugen.

Bei den später anlaufenden Importen von Plattenspeichern aus Bulgarien zeigte sich jedoch, dass es ungeachtet enormer wirtschaftlicher Anstrengungen nicht gelungen war, mit der Einführung in die Produktion auch die erforderliche höchste Qualifikation der Mitarbeiter , sowie die hohe Qualität bei Basismaterialien und Baugruppen selbst zu sichern.

 Der politische und durch enorme Investitionskosten begründete sachliche Druck zur Spezialisierung der VRB für Plattenspeicher führte Anfang der 70ger Jahre im Glauben in die Leistungsfähigkeit der ökonomischen Integration zunächst zur Beendigung der Plattenspeicher- Arbeiten in der DDR. Die Probleme allerdings blieben. Insbesondere die Limitierungen im bilateralen Warenaustausch auf ausgeglichene Export/Import-Bilanzen, aber auch die über eine längere Zeit in Bulgarien nicht bewältigten Qualitätsprobleme führten letztlich dazu, dass Plattenspeicher im ESER immer eine kritische und nicht hinreichend gelöste Position blieben.

 Mitte der 80ger Jahre wurde daher in der DDR die Entscheidung getroffen, mit hohem Aufwand wieder eigene moderne 5,25“ und 3,5“ Winchesterplatten zu entwickeln und schrittweise für mehrere Architekturlinien zu produzieren – allerdings kamen diese Entwicklungen unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr zum Tragen und wären ökonomisch und patentrechtlich auch nicht exportfähig gewesen.

 Man sieht also, es waren große und komplexe Themen, deren Lösung unter den gegebenen Umständen nicht zufriedenstellend erreicht wurde. Hier war die „Spezialisierungspolitik" bei Plattenspeichern also, so meint M. Günther nachdenklich, letztlich keine Fehlentscheidung der DDR- Führung, sondern die bestehenden Möglichkeiten stießen an objektive systembedingte Grenzen.

Am Start der zwei- und mehrseitigen Arbeiten zur Rechentechnik war die DDR mit einer deutlich größeren Zahl von Nomenklatur- Positionen im Entwicklungsplan vertreten. Später nahm die DDR- Beteiligung im ESER deutlich ab… . Was waren die Hauptaspekte dieser Entwicklung, die besonders bei der Systemkomplettierung der ESER- EDVA der DDR zunehmende Probleme brachten ? 

Dr. Günther versucht eine kurze Antwort, wenngleich, wie er sagte, diese Problematik eigentlich nur vor sehr komplexen Zusammenhängen hinreichend zu behandeln wäre.

 In der Startphase des ESER erfolgte die Leitung des Industriezweiges bekanntlich noch einheitlich durch die VVB Datenverarbeitungs- und Büromaschinen und das zweiseitige Abkommen zur Rechentechnik mit des UdSSR vom 22.12.1968 war das erste internationale Abkommen, verbunden mit vielen Erwartungen zur Erschließung des RGW- Marktes. Eine große Zahl von Positionen in der Nomenklatur der für die gegenseitigen Lieferungen vorgesehenen Erzeugnisse erschien damit vorteilhaft.

Während in den Anfangsjahren die Zusammenarbeit im Rahmen der MRK Rechentechnik sich ausschließlich auf das ESER konzentrierte, führte die internationale Entwicklung leistungsfähiger Kleinrechner zum Beschluss der MRK- Rechentechnik ein „System der Kleinrechner“ (SKR) als weiteren Zweig in die Zusammenarbeit aufzunehmen. Damit verbunden war in den beteiligten Ländern außer der UdSSR eine deutliche System-Parallelität. Die erfolgreiche Startphase des ESER implizierte den Wunsch, dessen Leitungsstruktur und Arbeitsorganisation auch für das SKR anzuwenden. Nicht nur für die DDR war es daher scheinbar sinnvoll, bestimmte Produkte sowohl für das ESER und auch für die SKR Nomenklatur anzumelden.

Im Rahmen tiefgreifender wirtschaftsorganisatorischer Veränderungen im Verlaufe der 70er und 80er Jahre in der DDR erfolgte u. a. die Bildung der Kombinate Robotron und Zentronik und damit verbunden auch eine Erhöhung der Eigenverantwortlichkeit dieser Kombinate. Diese volkswirtschaftlichen Prozesse und die zwischenzeitlich gesammelten Erfahrungen in der mehrseitigen Zusammenarbeit führten automatisch auch zur Veränderung des Entscheidungsrahmens zu Fragen der Spezialisierung.

Diese standen im Kontext mit den gegenüber den Möglichkeiten überproportional wachsenden Anforderungen der Volkswirtschaft an die Betriebe der Elektrotechnik und Elektronik. Zu berücksichtigen waren die Erfahrungen , dass erhoffte Lieferungen aus den Teilnehmerländern am ESER wegen nicht ausreichendem Aufkommens und  Qualitätsmängeln bei den Erzeugnissen und wegen nicht einordenbarer Anteile in den Außenhandelbilanzen nicht in der erforderlichen Größenordnung realisierbar waren und Importe mit konvertierbaren Devisen unter den Bedingungen des bestehenden Embargos gegenüber der DDR und nur begrenzt zur Verfügung stehender Valuta extrem limitiert und schwierig waren. 

Praktische Erfahrungen in den ersten Jahren der Zusammenarbeit vermittelten auch die Erkenntnis, dass bei Nomenklaturpositionen die Exporterwartungen nicht immer realistisch waren. Die Praxis zeigte, dass die Aufnahme einer Entwicklung in die Nomenklatur des ESER oder des SKR zwar eine notwendige aber durchaus nicht hinreichende Bedingung für einen zukünftigen Export oder Import dieses Erzeugnisses war, sondern die jeweilige Bilanzierbarkeit der Handelsvolumina in den zweiseitigen Handelbilanzen war die entscheidende Voraussetzung für die zu erwartenden und auch zu realisierenden Größenordnung des Exports oder Imports. Diese Bedingung überschattete die technischen und systemtechnischen Gegebenheiten und Erfordernisse der Kooperation im Rahmen eines nur als System praktisch nutzbaren Erzeugniskomplexes -wie elektronische Datenverarbeitungssysteme- aus Komponenten die in verschiedenen Ländern hergestellt werden.

Die Dienststellung des Chefkonstrukteurs der DDR im ESER veränderte sich in der DDR mehrfach. Sie konnten aber auf wesentliche DDR- Entscheidungen im Rahmen der MRK stets Einfluss nehmen. Wie sehen Sie rückblickend diese Prozesse?

Im Rat der Chefkonstrukteure des ESER und  insbesondere in den Spezialistenräten gingen die Arbeitsthemen nach ihrem Anlauf immer stärker in technische Details und deren Führung. Die Aufgabe des DDR- Chefkonstrukteurs im ESER war nach Abschluss der umfangreichen und erfolgreichen Startphase  aus einer Dienststellung im Ministerium mit der erforderlichen aktuellen Kompetenz dauerhaft nicht mehr hinreichend zu gewährleisten. In dieser Phase entschied der Minister für Elektrotechnik und Elektronik der DDR und Leiter des DDR-Teils der MRK- Rechentechnik  Otfried Steger in voller Übereinstimmung mit Dr. Günther, die Verantwortung des Chefkonstrukteurs der DDR im ESER dem Direktor für Forschung und Entwicklung des Kombinats Robotron zu übertragen. Wenige Jahre später wurde die Funktion des Chefkonstrukteurs der DDR für das ESER dann im Wesentlichen aus gleichen Überlegungen heraus dem Direktor des ESER- Entwicklungszentrums in Karl- Marx- Stadt übertragen.

 Dr. Günther wurde in diesem Zusammenhang vom Minister EE zum Stellvertreter des Leiters des DDR- Teil der Mehrseitigen Regierungskommission - Rechentechnik berufen. Er begleitete damit weiterhin die 1968 begonnenen ESER- Arbeiten und die weiteren Arbeitsgebiete der MRK- Rechentechnik. Diese Funktion nahm er  bis zur Auflösung des DDR-Teils der MRK- Rechentechnik mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland war. 

 

Mit diesem Gespräch erhielten wir einen repräsentativen Blick auf den Start in ein wichtiges Stück interessanter  DDR- Wirtschaftsgeschichte. Vielen Dank für ein äußerst instruktives Gespräch.

Anmerkungen:

- Artikel wurde  mit Stand 15.03.2009 aktualisiert und ergänzt

- Die Erinnerungen von V.K. Lewin  sagen, dass die Verfügbarkeit der umfangreichen Dokumentation zum IBM- Prototyp in der UdSSR letztlich den entscheidenden Fakt für die Fixierung von IBM/360 durch die UdSSR- Regierung darstellte. Allerdings war ihm offenbar die o.g. Zusammenarbeit  mit der DDR bei der Unterlagenbeschaffung nicht bekannt.

 

© Dr.Jungnickel